Jinjer im Interview: Ein Eiserner Vorhang und hässliche Autos

Interviews

Die ukrainische Metal-Band Jinjer ist in der Wiener Szene schon lange keine Unbekannte mehr. Regelmäßig machen die Ausnahmemusiker in Österreichs Hauptstadt halt, denn Wien darf bei ihnen auf keiner Tour fehlen. Wir haben uns vor dem letzen Konzert im Viper Room Vienna mit Bassist Eugene Kostyuk und Sängerin Tatiana Shmayluk getroffen, um mit ihnen über das neue Album, Napalm Records und die Ukrainische Metal-Szene zu reden.

Wenn ihr Jinjer mit einem Wort beschreiben müsstet, welches wäre das?

Eugene sieht kurz zu Tatiana, sie besprechen auf Ukrainisch und lachen.

Eugene: Okay, diese Frage wird uns sehr oft gestellt und ich denke, Tatiana und ich sind uns einig, dass das beste Wort um unsere Band zu beschreiben Vielfalt ist. Ja, nur Vielfalt. Ich denke, das ist der beste und passendste Weg um Jinjer in einem Wort zu beschreiben. Aber gleichzeitig ist es lächerlich, Musik und Bands in Wörter zu fassen. Am besten beschreibt es die Musik, die wir machen.

Es ist lächerlich, Musik und Bands in Wörter zu fassen.

Und euer letztes Album, King of Everything?

Eugene: Selbes Wort.

Tatiana nickt zustimmend.

King of Everything ist wohl euer bestes Werk bis jetzt. Es zeigt, wie weit ihr als Metal-Band gekommen seid, hat aber auch viele Einflüsse aus den verschiedensten, anderen Genres. Was ist euer Lieblingstrack am Album?

Tatiana: Entweder I Speak Astronomy oder Pisces.

Eugene: Dem stimme ich vollkommen zu. Ich würde nur hinzufügen, dass Sit Stay Roll Over auch etwas die andere Seite der Band zeigt. Also eines der drei Lieder.

Seit kurzem seid ihr ja bei Napalm Records unter Vertrag. Wie hat das neue Label King of Everything und, noch wichtiger, euch als Band beeinflusst?

Eugene: Es hat das Album nie beeinflusst, es hat die Band nie beeinflusst. Zumindest nicht im Sinne von Musik und Kreativität. Aber es hat uns auf jeden Fall im geschäftlichen Bereich beeinflusst, wenn ich das so sagen kann. Was Werbung und unsere Bekanntheit betrifft, haben sie uns definitiv sehr viel geholfen. Sie haben uns auf ein neues Level gehoben.

Ihr seid eine ziemlich einzigartige Band und es ist schwer, etwas vergleichbares zu Jinjer zu finden. Welche anderen Künstler haben euch dabei am stärksten beeinflusst?

Eugene: Danke.

Tatiana: Jede Menge. Angefangen bei Punk Rock wie Offspring. Das bedeutet mir persönlich sehr viel. Offspring, Alice in Chains, Nirvana. Yeah, Amy Winehouse, Pink. Sandra Nasić von Guano Apes. Lamb of God, GojiraBob Marley (lacht). Es sind immer verschiedene Musikrichtungen und verschiedene Bands, darum ist es schwer, alle aufzuzählen.

Eugene: Das selbe gilt für mich. Ich könnte unzählig viele Künstler nennen, aber um einige Meilensteine aus meinen frühen Rock und Heavy Metal Jahren aufzuzählen… Zuerst Nirvana, dann Heavy Metal wie Iron Maiden und härtere Richtungen wie Death Metal und die Band Death. Death Metal Bands aus Florida. Cannibal Corpse. Bis hin zu progressiverer Musik und meiner absoluten Lieblingsband Opeth. Aber auch modernere Bands wie The Faceless.

Und natürlich Nu Metal. Ich habe Mudvayne geliebt, ich liebe Mudvayne immer noch. Ryan Martinie hat mich als Bassist sehr stark beeinflusst und ich habe viel von ihm übernommen. Allerdings auch Genres, die gar nichts mit Metal zu tun haben wie Funk und Jazz… Ich habe viel von Jazz-Musikern wie Victor Wooten, Marcus Miller und Jaco Pastorius gelernt. Verdammt viele Bands und Musiker.

Bassist Eugene beim Auftritt im Viper Room. ©kuro

Das spiegelt sich auch stark in eurer Musik wider. Ihr fixiert euch nicht nur auf ein Genre sondern hört einfach, was euch gefällt.

Eugene: Ja, ganz genau.

Tatiana: So sollte es auch sein.

Wo wir gerade über andere Bands reden: Gibt es irgendwelche ukrainischen Künstler, die ihr jemandem empfehlen würdet, der keine Ahnung von eurer Musikszene hat?

Eugene: Auf jeden Fall! Es gibt ein paar richtig coole Bands, die selbst bekannteren Acts in den Arsch treten könnten. Wenn du Zeit hast, solltest du dir Zlam anhören. Eigentlich ist das sogar die Band unseres Drummers, er spielt dort. Ja, Megamass, Space of Variations

Tatiana sagt etwas auf ukrainisch und Eugene lacht.

Tatiana: Das sollte vorerst genug sein (lacht).

Leider ist die ukrainische Metal-Szene nicht sehr bekannt im Rest von Europa. Warum, denkt ihr, ist das so?

Eugene: Weil wir immer noch hinter einem Eisernen Vorhang sind, sozusagen. Wir leben in einem anderen “Mediengebiet”, wenn ich das so sagen kann. Wir sind vom Rest von Europa durch Grenzen und Visa-Kontrollen und so Zeug abgeschnitten. Es ist ziemlich schwer, mit einer Band herzukommen und Konzerte zu spielen, weil dich niemand kennt. Da muss man erst etwas investieren. Es ist auch nicht leicht, überhaupt ein Visa zu bekommen. Wegen all diesen Hindernissen und Widrigkeiten haben die Leute einfach aufgegeben, es zu versuchen. Und wollen es auch gar nicht mehr.

Tatiana: Mangelndes Engagement, denke ich.

Eugene: Da stimme ich vollkommen zu. Das ist wohl der Grund.

Wir sind immer noch hinter einem Eisernen Vorhang.

Trotzdem habt ihr es geschafft, durch Europa zu touren und in fast allen Teilen des Kontinents zu spielen. Gibt es einen Unterschied, zwischen Metal-Fans aus den verschiedenen Ländern?

Eugene: Ja, auf jeden Fall. Wir sagen auch immer, dass es einen großen Unterschied zwischen europäischen und ukrainischen Metal-Fans gibt. Ukrainische Metal-Fans sind hauptsächlich Teenager. Maximal 19, 20 Jahre alt. Das Problem ist, dass sie die Szene einfach verlassen, wenn sie älter werden. Sie hören die Musik nicht mehr oder gehen zumindest auf keine Konzerte mehr. Und darum hat man alle fünf Jahre ein anderes Publikum. Es ändert sich einfach die ganze Zeit. Deshalb bekommt man auch nicht so viel Support wie in Europa. In Europa sind die Fans sehr hingebungsvoll gegenüber der Musik und der Band. Das ist der größte Unterschied.

Natürlich gibt es in Europa selbst auch noch Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Osteuropäische Länder wie Polen, Ungarn, die Slovakei, Rumänien, Bulgarien, Tschechien sind bekannt für ihr verrücktes Publikum und ihre Hardcore-Fans, die sich auf Konzerten einfach gehen lassen. Das ist übrigens auch in Österreich so, denk’ ich. Zumindest war es so, als wir das letzte Mal hier im Viper Room waren. Das Publikum war wirklich verrückt! Aber wenn du weiter in den Westen gehst, den westlichen Teil von Deutschland oder Frankreich, dort sind sie passiver. Aber gleichzeitig passen sie mehr auf die Musik auf, die gespielt wird. Es unterscheiden sich also die verschiedenen Länder voneinander.

Ihr wart ja schon öfter in Wien. Was gefällt euch an Österreich am besten? Napalm Records zählt übrigens nicht!

Eugene (lacht): Eigentlich wär’ das auch nicht Napalm Records.

Tatiana stimmt ihm zu.

Eugene: Schwer zu sagen. Wir mögen es hier einfach. Und ich muss zugeben, es ist hier sehr… zivilisiert.

Tatiana: Ja, sehr zivilisiert.

Eugene: Genau. Sehr kultiviert, sehr gebildet. Anständig. Es ist sehr angenehm, hier zu sein. Du erwartest einfach keinen Scheiß, wenn du hier bist.

Tatiana: Ja, es ist vollkommen sauber. Wie soll ich das sagen… Nicht nur räumlich gesehen, auch mental.

Eugene: Leider kann man das heutzutage nicht überall erwarten.

Sängerin Tatiana beim Auftritt im Viper Room. ©kuro

Gibt es etwas, das ihr auf jeder Tour macht? Ein Ritual, bevor ich loslegt oder eine Art Glücksbringer, den ihr immer bei euch habt?

Eugene: Hm….

Tatiana: Ja, da gibt es sogar etwas! Nicht vor der Tour, aber währenddessen. Wenn wir einen Fiat Multipla sehen, kennst du das Auto?

Eugene (lacht laut): Fiat Multipla… Sieht richtig hässlich aus, nicht?

Tatiana: Wenn wir einen sehen, auf der Autobahn oder in einer Stadt, dann wissen wir, dass alles okay sein wird.

Eugene: Es ist einfach ein gutes Zeichen.

Also ein hässliches Auto ist ein gutes Zeichen für euch?

Beide: Genau.

Eugene: Nur dieses bestimmte Auto. Wir denken, dass es das hässlichste von allen ist.

Tatiana: Ja (lacht). In der Ukraine sieht man dieses Auto kaum.

Eugene: Es heißt im Prinzip, dass alles in Ordnung sein wird. Aber sonst haben wir eigentlich keine Rituale vor oder während der Tour.

Tatiana: Man checkt bloß, ob man alles eingepackt hat.

Eugene: Ah, es gibt noch etwas was wir jedes Mal kurz vor der Tour machen: Wir lassen unser Auto reparieren, genau bevor wir loslegen. Bevor diese Tour losging, haben wir unseren Van von der Werkstatt geholt – keine zwei Stunden bevor wir losgefahren sind. Das ist eine Art Tradition, die wir versuchen, loszuwerden. Nur funktioniert das einfach nicht…

Zumindest heißt das, dass das Auto funktioniert.

Tatiana (lacht): Naja, du hast keine Zeit, es zu kontrollieren. Das siehst du dann unterwegs.

Eugene: Wir hatten auch schon unterwegs einige Probleme. Als wir von Dänemark nach Aachen in Deutschland gefahren sind, was ziemlich weit weg ist, ist uns der Generator mitten auf der Straße eingegangen. Wir haben dann in einer Tankstelle geschlafen und schafften es am nächsten Morgen irgendwie in die nächste Stadt. Dort haben wir dann eine Werkstatt gefunden und den Generator ausgetauscht. Schließlich haben wir es auch geschafft, pünktlich am Konzert zu sein.

Gut, nun habt ihr es auch fast geschafft. Könnt ihr erraten, was die letzte Frage ist?

Eugene: Was wir unseren Fans sagen wollen und so? (lacht)

Tatiana: So vorhersehbar! (lacht)

Was wollt ihr denn euren österreichischen Fans sagen?

Eugene: Wir haben euch vermisst (lacht)! Wir sind sehr froh, wieder hier zu sein und wir erwarten, euch alle wiederzusehen! Nicht nur heute. Wir spielen noch einige Konzerte diesen Frühling und nächsten Herbst, also kommt einfach vorbei. Wir freuen uns immer, euch zu sehen und für euch zu spielen!

Tatiana: Bleibt gesund und munter!

~ Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview und die netten Worte! ~

Die aktuellen Tourdaten. ©Jinjer