Jioda im Interview: Geschmacksbildung zwischen Adele und Deathcore

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Christian Hübel von Jioda © Markus Wetzman

Christian Hübel von Jioda © Markus Wetzman

Seit wenigen Jahren steht mit Jioda eine dynamische Metalband in der Szene Wiens. Zwar erfindet die Band das Rad nicht neu, allerdings tritt sie mit kreativem Crossover und jede Menge positiver Energie auf die Bühne. Christian Hübel, einer der beiden Sänger, erzählt uns von seinen musikalischen Wurzeln, Autofahrten mit den Zillertaler Schürzenjägern, und warum er Britney Spears auf seinem Handy hat.

Was war der Schlüsselmoment, der dich dazu gebracht hat, Musik zu machen?

Christian: Dafür muss ich etwas zurückgreifen. Früher war In Flames eine meiner Lieblings-Livebands, die habe ich mir oft gegeben. Der Sänger, Anders Fridén, macht einfach so viel audience-interaction, er scherzt herum und landet einen Witz nach dem anderen. Das ist bei einem Massenpublikum ja nicht einfach, wenn man nicht gerade Kabarett macht. Er war gut darin, ist auch sonst ordentlich abgegangen, da habe ich mir gedacht, dass ich das auch machen will. Und wie ich dann mit 20 schon mit Freunden gejammt habe und ein paar Monate meine erste Band hatte, habe ich zum ersten Mal Suicide Silence gesehen, da hatten sie noch Mitch Lucker als Frontman. Der Sänger war ein Wahnsinn, das hat mich sehr inspiriert. In der Arena – die Halle war bummvoll – hat er es geschafft, mit seiner Präsenz die ganze Bühne einzunehmen. Wer Suicide Silence kennt, weiß, das sind sonst lauter große bärtige Dudes, lange Haare, nur am headbangen – richtig oldschool metal. Aber Lucker war ein Zniachtl, skinny jeans, kurze Haare, nur bodybangen, kein headbangen oder sowas. Aber er hatte so eine Ausstrahlung, das war mein Moment, wo ich mir gedacht habe, ich will das auch schaffen, und dann habe ich begonnen mich wirklich reinzuhängen.

Was war denn das erste Instrument, das du dir näher angesehen hast?

Christian: Ich habe mit 17 begonnen Gitarre zu lernen, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nur in der Stunde übe, zuhause war mir das zu mühsam. Das war auch die Zeit, in der ich mehr Musik mit Soli gehört habe, Metallica, Avenged Sevenfold und so. Dann habe ich gemerkt, dass es mich nicht so interessiert, und habe aufgehört. Es ist schon praktisch, die Basics zu können, gerade fürs Songwriting, aber Vocals sind einfach das Lustigste. Früher sind wir mittwochs immer ins Megiddo, eine kleine Metal-bar in Wien, gegangen, dort hat ein Freund von mir aufgelegt: Down with the Sickness, Drowning Pool, Killswitch Engaged, was damals eben alle kannten. Oder U4 am Freitag, als sie noch nicht jedes Lied viermal gespielt haben. Dann sind wir zu fünft im Kreis gestanden und haben lauthals mitgesungen, das waren so die ersten Gesangserfahrungen. So richtig Gesangsunterricht habe ich erst später genommen, und auch dann nur wenig. Großteils habe ich mir das Singen selbst beigebracht.

Was war das wichtigste Album in deiner Musikgeschichte, das dir die Augen geöffnet hat?

Christian: Ich habe mit Nu Metal angefangen, so mit  elf Jahren. Hybrid Theory von Linkin Park, das war damals schon Mainstream, aber so habe ich zur härteren Musik gefunden. Und darüber bin ich dann mit Korn, Disturbed, System of a Down etc. in Kontakt gekommen. Später habich dann mit Come Clarity von In Flames Melodic Metal entdeckt, das war für mich zu dem Zeitpunkt genau das Richtige. Es war ein bisschen härter als Linkin Park, trotzdem noch ab und zu cleane Lyrics, und nur kurze, knackige, an den Song angepasste Soli. Dadurch, dass ich es jetzt noch immer so oft höre, muss ich sagen, dass Hybrid Theory sicher das wichtigste Album für mich war.

Welche Musik lief bei deinen Eltern zu Hause?

Christian: Ich habe eigentlich immer in meinem Zimmer meine eigene Musik gehört. Ich kann mich noch erinnern, dass meine Eltern Volksmusik gehört haben. Mein Vater hat eine Zeit lang Zillertaler Schürzenjäger bei Autofahrten gespielt. Die haben irgendwann begonnen, E-Gitarre in ihren Liedern zu verwenden, und das fand ich dann schon cooler als das Zeug davor. Aber er war auch Fan von Vangelis, Phil Collins, Bryan Adams, Rod Stewart, Bruce Springsteen, die bewundere ich jetzt noch. Aber generell hören meine Eltern das, was es gerade im Radio spielt.

Welche Einflüsse haben dich zu dem Stil deiner eigenen Band gebracht?

Christian: Wenn ich es betiteln müsste, würde ich sagen, wir machen modern Metalcore mit allen möglichen Einflüssen und vielem elektronischen Zeug drinnen. Jeder von Jioda hat andere Inspirationen, aber für meinen eigenen Gesangsstil habe ich Verschiedenes, was ich mag und gerne selbst so können würde. Beim cleanen Gesang geht die Inspiration von souliger Adele bis Chester Bennington von Linkin Park. Beim guturalen Gesang bin ich schon ein großer Fan von Deathcore Vocals, Rings of Saturn, Aversion Crown, Thy Art is Murder, Suicide Silence. Aber vor allem meine Lows sind da sicher noch ausbaufähig.

Hand auf’s Herz – was war auf deinem letzten Mixtape?

Christian: Ich mache immer Mixtapes, wenn ich gemeinsam mit meinen Freunden aufs Metalcamp fahre. Aber auf meinem letzten Mixtape für Silvester waren nur so Sachen von 2000, weil es für Silvester war: Brittney Spears, Linkin Park, Blue von Eiffel 65, Gigi D’Agostino – L’Amour Toujours, solche Sachen, nicht so das harte Zeug.

Chris von Jioda im Proberaum © Jioda

Chris von Jioda im Proberaum © Jioda

Was hörst du denn für Musik, die man dir garnicht zutraut?

Christian: Das Metal-tum hat sich ja zum Glück sehr gewandelt, mittlerweile darf man ja fast alles hören. Derzeit höre ich in meiner Nostalgie sehr viel aus meiner Gymnasialzeit: The Offspring, Sum41 , aber auch Avril Lavigne und Brittney Spears habe ich auf meinem Handy, erstens, weil ich mich wieder mehr mit cleanem Gesang auseinandersetzen wollte, aber weil es einfach lustig und catchy ist.

Wenn etwas im Ohr bleibt, dann spricht dass nur für den Musiker, und nicht gegen den eigenen Musikgeschmack.

Zum Beispiel liebe ich auch Scooter. Es ist ja hoch selbstironisch, was die da aufführen. Was ich weiß, waren die vorher ja im Metalbereich und haben umgesattelt auf das, was die Leute hören wollten, weil sie so nichts gerissen haben. Dass sie damit ihren Durchbruch hatten, spricht natürlich nicht für den Populus, aber dass sie das so durchziehen finde ich ziemlich stark. Ansonsten finde ich noch Adele ziemlich toll, super Songwriterin, riesen Stimme, genauso Taylor Swift. Ich weiß gar nicht, ob die alle ihre Sachen selber schreibt – dafür klingt manches zu überproduziert, aber was im Kopf hängen bleibt, ist gute, ansprechende Musik. Alle diese Künstlerinnen und Künstler habe ich auf meinem Handy, damit rechnet wahrscheinlich nicht jeder.

Gibt es eine unbekannte Band, die du gerne allen zeigen willst?

Christian: Rings of Saturn – mittlerweile sind sie nicht mehr ganz unbekannt, aber die sind live wirklich ganz org, der Sänger hat vom ersten bis zum letzten Ton seine Stimme perfekt unter Kontrolle. Hoch talentierte Musiker, sie haben auch gerade ihre erste Europa-Tour. Ich empfehle zum Anhören Utopia, das ist instrumental und nicht gleich so ein intensiver Overload.

Orlando Süss ist Journalist und leidenschaftlicher Schauspieler aus Wien. Früh zeigt sich seine Vorliebe für Rock, als er im Bauch seiner Mama erst bei The Who der Mutter Ruhe schenkt. Mittlerweile sind er und sein Geschmack gezwinkerte 1.84m groß. Von Tool bis Deichkind – Orlando gibt nie wieder Ruhe. Wenn er einmal doch eine Pause braucht wirft er sich mit seinem Makro-Objektiv ins Grüne oder spielt Survival-Horror Games mit seinen Freunden. Man darf ihm auch auf Instagram, Twitter und Facebook nachstellen.