RiV 2016: Maiden-Maskottchen Eddie unleashed

On Stage Stories

Container haben etwas Intimes, und normalerweise heißt es „Was im Container passiert, bleibt im Container.“ So einfach lässt sich Eddie the Head aber nicht aufhalten; nicht wenn Iron Maiden, seine geistigen Väter, das Rock in Vienna 2016 am letzten Festivaltag heimsuchen.

Normalerweise entsteigen Untote einem Grab oder etwas Ähnlichem. Doch nicht diesmal, denn, wie bereits erwähnt, Iron Maiden sind angesagt. Edditis ist eher sowas wie eine ansteckende Krankheit. Pech wenn sie in einem Container ausbricht. Ein finsterer Totenbeschwörerzirkel hat sich nämlich in einem solchen auf dem RiV 16-VIP-Gelände heimisch gemacht.

Wie wird man also zu Eddie Version Voodoo-Zombie-Mumie?

Zuerst schüttet man den Heuschnupfen mit Bier zu, ähnlich wie man mit einem Antibiotikum Bakterien tötet – die halten auch weniger aus als der Wirt. Dann wird man auf einen Stuhl geschnallt und stundenlang im Gesicht befummelt und beschmiert. Und zwar von einem älteren Eddie, dem Killer-Eddie, und einer Komplizin. Pinsel und Farbe sind deren Folterwerkzeuge der Wahl. Dass Zakk Wylde währenddessen auf der Bühne steht, war garantiert von langer Hand geplant. Wie sollte man einen Untoten besser motivieren, als mit Rache und unerledigten Angelegenheiten.

Eddie und Killer-Eddie mögen auch Selfies - und sind sogar auf Instagram! ©Kate Steel

Eddie und Killer-Eddie mögen auch Selfies – und sind sogar auf Instagram! ©Kate Steel

Schließlich ist es soweit. Zakk Wylde ist nicht mehr auf der Bühne und Eddie hat sich nach einer ausgiebigen Gesichtsbehandlung von seinem Thron erhoben. Erste Handlung? Ab in den Menschenauflauf (Mmhhh… Menschenauflauf…), um seinem Unmut freien Lauf zu lassen. Aber anstatt kreischend davonzulaufen, schreien Eddie alle laut „Maiden!“ entgegen und fuchteln ihm mit Zeigefinger und kleinem Finger vor dem Gesicht herum. Also erstmal Rückzug und zurück zum Container, dessen Nachbar Nightwish beherbergt, die sich zuvor schon ein gemeinsames Foto mit Killer-Eddie erschnorrt hatten.

Eddie the Quizmaster

Im Container angelangt, heißt es gleich wieder umdrehen. Maiden-Quiz. Mit Eddie. Und Eddie. Killer-Eddie stellt die Fragen, Voodoo-Eddie assistiert mit Belohnungswürmern (Mmhhh… Belohnungswürmer…). All das, während Powerwolf im Hintergrund ihre Lieder heulen. Mit bereitgestelltem Kamerasklaven und der Komplizin als Back-up schreiten die lebenden Toten also zum Werk. Dieses kann zum Teil in einem Video begutachtet werden(, für die nicht ganz so schmutzigen Details). Jedenfalls wurde neben Würmern auch Mundwasser hinter die Binde gekippt. Blind werden können Zombies wohl auch nicht mehr. Irgendwelche Vorzüge muss das ja auch haben.

Auf dem Weg zurück zum Container (Mausoleum und Gruft sind für Goths und Hipster) fängt es nach ca. 100 Meter Fotos zu schütten an. Erneut muss Wikipedia nachgebessert werden, denn wie sich herausstellt sind Zombies wasserscheu. Ihr Gesicht zerrinnt. Vielleicht liegt’s auch an der widernatürlichen Kreuzung mit einer Mumie. Klopapier ist nicht wasserresistent.

Eddie wird sentimental

Wie auch immer, im Hauptquartier erfahren Eddie und Eddie von ihrem Nekromanten, dass sie nun für die Werbefotos der Early Bird (Mhhh… Early Bird…) Tickets fürs nächste RIV posieren sollen. Per Golf-Cart geht’s daher ab zur Rampe für Barrierefreiheit. Die anwesenden Fans mit fahrbaren Untersätzen freun‘ sich, obwohl manche nass bis auf die Knochen sind. Alle kriegen sie ein Foto mit den Eddies und lohnen es mit ehrlicher Freude. Es stellt sich heraus, dass Zombies sowas wie Tränenflüssigkeit haben müssen, denn die Augen wurden feucht. Das können auch In Extremo mit ihrem Dudelsack nicht verhindern.

Wieder folgt der Weg zurück zum Container, denn für Zombies führen alle Wege zu ihrem Container. 200 Fotos später haben sich Eddie und Eddie gerade rechtzeitig vor dem nächsten Regenguss in Sicherheit gebracht. Um den Taint zu konservieren, werden sie mit Bier und, um den fauligen Würmeratem zu versüßen, mit noch mehr Mundspülung versorgt. Während Nightwish dann doch loslegen, harren die Eddies in ihrer Zentrale aus. Nur für kurze Abstecher nach draußen, wenn es allzu sehr nach Künstlergehirnen (Mmhhh… Künstlergehirne…) riecht, wagen sie sich aus ihrem Unterschlupf hervor.

Sogar die Flugbegleiterinnen der Ed Force One können Eddie nicht wiederstehen. ©Bernd Gossi

Sogar die Flugbegleiterinnen der Ed Force One können Eddie nicht wiederstehen. ©Bernd Gossi

Die Co-Pilotin und die beiden Flugbegleiterinnen der Ed Force One laufen ihnen über den Weg und holen sich ihr gemeinsames Foto ab. Auf dem nächsten Flug werden sie’s Bruce im Cockpit zeigen. Alex, der Sänger von Eisbrecher, war drei Tage nach seinem Auftritt offensichtlich immer noch am Fressen. Und siehe da, der Kreis beginnt sich zu schließen, denn Voodoo-Eddie trifft Zakk Wylde. Der meint dazu bloß, dass die Eddies ihre Haut untersuchen lassen sollten, sie sehe ungesund aus. Mit einem Autogramm war diese unerledigte Angelegenheit aus dem Weg geräumt, aber eine fehlte ja noch.

Das Finale

Iron Maiden legen los. Es regnet, aber den Fans ist das egal. Auch den Zombies. Ein weiterer Nachtrag für Wikipedia ergibt sich, denn Zombies können Gänsehaut kriegen. Immerhin ist die Show etwas Besonderes. Drummer Nicko feiert Geburtstag und Bruce Dickinson singt besser als auf den Platten. Die Eddies müssen ihre Gesichter jedoch leider unter Kapuzen verstecken. Verdammtes Klopapier. Oder so. Da bleibt nur eines über: Ab hinter die Bühne und auf die Band nach dem Abgang warten. Und warten. Bei der Anspannung und Vorfreude wird auch Killer-Eddies Leichnam wieder frisch. Ah, jetzt ertönt „Wasted Years“, gleich ist es soweit. Einer der Roadies der Band holt sich aber zuvor noch sein Foto mit Killer- und Voodoo-Eddie ab. Als Maiden dann die Treppe heruntereilen stehen die schwarzen SUVs längst bereit. „Get out of the way!“, schreit der Bodyguard. Außer mit einem kurzen Lächeln von Steve Harris und einem „Thank you!“ von Nicko für die untoten Geburtstagswünsche werden ihre Bandmaskottchen nicht noch weiter belohnt. Die gute Show muss reichen.

Wieder werden die Eddies magisch zu ihrem Container zurückgerufen. (Anmerkung: Magisch steht hier für den Duft von Konservierungsmittel; Zombies riechen Gehirne, Formaldehyd und Alkohol meilenweit und natürlich auch durch Containerwände.) Ihre unheilige Arbeit scheint getan. Der Nekromant und seine Akolyten vermögen sie aber nicht zu bändigen, sie ziehen auf eigene Faust los, um Wien unsicher zu machen. (Anmerkung: Liebe Leser, haltet euch vom Praterdrom fern!)

Alfons Quell ist Redakteur für Plattentellerand. Musik muss für ihn Haare haben, oder auch nicht. Jedenfalls muss es grooven. Seine Stärke liegt darin, mit zu vielen Worten zu wenig zu sagen, aber dennoch unterhaltsam zu sein, oder auch nicht.