Sabaton – The Last Stand CD Review

Reingehört

Sabaton sind zurück und treten den Beweis an, dass man nach acht Alben immer noch 10 Tracks durchgehend epischen Stil erfolgreich und unterhaltsam durchziehen kann. Also auf in die Schlacht!

Sabaton für Anfänger

Wer Sabaton nicht kennt, sollte zumindest die Basics wissen, der Rest stürzt sich vermutlich sowieso schon auf das Track by Track Review, um die Stories zu lesen. Seit 1999 bereichern die Jungs aus Falun in Schweden die Metalszene. Was die Band so besonders macht, ist der Inhalt der Texte, der mit ein paar Ausnahmen immer Geschichten aus dem Krieg erzählt. Dies wird auch im Bandnamen reflektiert: Ein Sabaton ist eine Art Eisenschuh, Teil der mittelalterlichen Ritterrüstungen.

Wer jetzt glaubt, dass Sabaton und ihre Fans ein Haufen kriegsgeiler Minderbemittelter ist, liegt weit falsch. Die Texte sind historisch sehr akkurat und sollen mehr die Soldaten und auch die Opfer würdigen, als Krieg zu verherrlichen. Ausnahmetracks wie Final Solution, welcher den Holocaust behandelt, lassen einem einen Schauer über den Rücken laufen.

Großteils geht es den Schweden aber auch um Spass, die Konzerte strotzen vor Energie und Positivität, die Musik ist bis auf bereits erwähnte Ausnahmen episch bis zum letzten Takt. In ihrer Heimat haben sie sogar ihr eigenes Festival, den Sabaton Cruise, der auf einem Kreuzfahrtschiff stattfindet. Mit ihrer sympathischen Art und den explosiven Konzerten hat die Band im Nu die Herzen der Metalcommunity erobert.

Neues und Altes

The Last Stand wurde wieder von Peter Tägtgren produziert und wurde April und Mai dieses Jahres in den Abyss Studios aufgenommen. Der Johnny Depp Doppelgänger und Pain-Frontman hatte diesen Posten schon auf einigen Vorgängeralben inne. Es ist das zweite Album seit der größeren Umbesetzung 2012, wobei Gitarrist Thobbe Englund die Band nach den Aufnahmen verließ.

Das Cover erinnert auf den ersten Blick an ein Battlefield oder Call of Duty, wenn man näher hinsieht bemerkt man aber im Hintergrund Soldaten aus verschiedenen Epochen und Regionen: Samurai, Spartaner, Husaren – aller Vertreten in eigenen Tracks. Das zeigt auch schon einen der frischen Winde auf dem Album – bisher bestand der Themenpool der Schweden vor allem aus den beiden Weltkriegen und europäischen Begebenheiten, The Last Stand erzählt aber Geschichten von der Antike über das Mittelalter bis kurz vor den Zerfall der Sovietunion.

The Last Stand ist, wie Carolus Rex oder Heroes, ein Konzeptalbum. Jede Nummer behandelt in heroischem Sabaton-Stil ein letztes Gefecht, bei dem die Soldaten schwer bis extrem unterlegen waren. Shiroyama beispielsweiße besingt den Kampf von 500 Samurai gegen 30.000 kaiserliche Soldaten im Zuge der Satsuma-Rebellion 1877. Bisherige Tracks wie 40:1 von dem Album The Art of War hätten inhaltlich super hineingepasst. Auch musikalisch tut sich einiges, wie ihr in Track by Track merken werdet.

Track by Track

Ich möchte hier kurz darauf hinweißen, das der Autor die geschichtlichen Fakten durchaus recherchiert hat, aber kein Vollprofi ist. Wir erheben also keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sind dankbar, wenn ihr uns auf Fehler freundlich hinweißt.

tl;dr – nicht böse sein wenn historische Fehler

1 – Sparta

Ähnlich wie beim letzten Album Heroes fackeln Sabaton nicht lange herum, sondern steigen sofort aufs Gaspedal. Der Opener Sparta stellt gleich alles auf den Tisch was Sabaton ausmacht: epische Fanfaren, donnernde Instrumente und ein Refrain mit Schlachtrufen, der dem dauerhaften Show-Opener Ghost Division Konkurrenz machen könnte. Auch beim Thema wartet Joakim sofort mit dem epischsten aller letzten Gefechte auf: Die Schlacht der 300 Spartaner gegen die persische Armee in den Thermopylen im zweiten Perserkrieg. Circa so episch komponiert und ausgeführt wie die Graphic-Novel Verfilmung 2006 von Zack Snyder mit Gerard Butler und Lena Headey.

2 – Last Dying Breath

Jeder Track nach Sparta hätte es schwer, Last Dying Breath sticht definitiv nicht heraus, aber delivered als typischer Sabaton Track. Mit ballerndem Midtempo und bassgetragenen Strophen zollen Sabaton Tribut an die serbische Armee, die sich Anfang des ersten Weltkriegs im Kampf gegen den Angriff der Österreichisch-Ungarischen Armee opferte. Die exakten Worte aus der flammenden Rede des Generals Dragutin Gavrilović lauteten:

„Soldiers! Heroes! The supreme command has erased our regiment from its records. Our regiment has been sacrificed for the honor of Belgrade and the Fatherland.“

Sabaton machen daraus den Refrain:

Soldiers, heroes, die for your land
Your lives are gone, erased by your command
Until your last dying breath

3 – Blood of Bannockburn

Blood of Bannockburn ist musikalisch ein spanndender Track, Sabaton traut sich hier einiges. Es gab zwar schon einige positiv klingende Tracks, jedoch ist dies das erste Sabaton Lied, das in Dur komponiert wurde. Zusätzlich dazu kommen Dudelsäcke und Hammond Orgel, um einen super schottischen Sound zu erzeugen. Thematisch geht es um eine der entscheidenden Schlachten im schottischen Unabhängigkeitskrieg. Ein mutiger Track der gelungen ist, wie wir finden.

4 – Diary of an Unknown Soldier

Hier schlagen Art Of War-Herzen höher. John Schaffer von Iced Earth spricht den Tagebucheintrag eines Veteranen der Argon-Offensive. Im Hintergrund bauen sich gesampelte Waffengeräusche zu einem richtigen Beat auf, der nahtlos in den nächsten Track übergeht. Sehr stimmig und eine gute Abwechslung zum arienlos-durchgeballerten Sabaton-Stil.

5 – The Lost Battalion

Lost Battalion ist definitive ein weiteres Highlight der Scheibe. Die im Track zuvor aufgebaute Stimmung wird mitgenommen, der gesampelte Industrial-Beat bringen einen von Anfang an zu Headbangen. Sabaton beweisen hier wieder einmal, dass sie Könige auf dem Gebiet des Story-Tellings sind. Stampfender Refrain mit Chor, was will man mehr?

Mit dem Anfang der ersten Strophe läuft sofort ein Film vor dem inneren Auge ab:

1918 the great war rages on
A battalion is lost in Argonne
Under fire there’s nothing they can do
There’s no way, they can get a message through

Neun Kompanien der US-Army waren während der Argon Offensive im ersten Weltkrieg von den restlichen Truppen abgeschnitten. Eingekesselt von der deutschen Armee mussten sie sechs Tage lang ohne Versorgung eingekesselt und teilweise sogar unter Eigenbeschuss überleben. Schlussendlich mussten sie zu Brieftauben greifen, von denen die letzte die wichtige Informaton überbrachte:

„WE ARE ALONG THE ROAD PARALELL 276.4. OUR ARTILLERY IS DROPPING A BARRAGE DIRECTLY ON US. FOR HEAVENS SAKE STOP IT.“

6 – Rorke´s Drift

Rorke’s Drift präsentiert sich wesentlich härter und schneller, donnernde Doublebass im Dauerballern. Ein aggressiver Track über die Verteidigung der Missionsstation Rorke’s Drift im Zulukrieg. Nur 150 Mann, bestehend aus Briten und Kolonialtruppen besiegten erfolgreich die 3000 bis 4000 angreifenden Zulukrieger.

7 – The Last Stand

Der Title-Track des Albums schaltet wieder einen Gang zurück und ist ein Lied, wie es auch auf Carolus Rex zu finden wäre. Wie aus einem Guss greifen hier Refrain, Bridge und Strophe ineinander. Grooviger und mit klassischem Keyboard unterlegter Mitsinggarant.

Kirchenglocken am Anfang spielen auf die Geschichte hinter dem Song an. Während der Plünderung Roms 1527 hielt die Schweizer Garde die Armee der Habsburger lange genug zurück, dass der Papst entkommen konnte.

8 – Hill 3234

Hier wird wieder losgeballert im vermutlich musikalisch düstersten Track von The Last Stand. Hill 3234 ist zwar klassisches Sabaton wirkt aber leider wie manche andere Tracks etwas zu brav. Er folgt der typischen Sabaton-Formel, die zwar funktioniert aber unoriginell wirkt, doch das ist Meckern auf hohem Niveau. Der Track an sich ist stimmig und makellos und viele Fans werden sich über den charakteristischen Sound. Thematisch wird die Verteidigung von 39 Sovietsoldaten gegen 200-400 Mujahideen-Rebellen besungen.

9 – Shiroyama

Shiroyama bringt wieder neue Zutaten in die Küche und geht in der Geschichte ein Jahrhundert zurück und nach Japan. Durch den Schwerpunkt der bisherigen Alben auf die Weltkriege und Europa sind asiatische Protagonisten wie hier die japanischen Samurai so erfrischend wie die weiblichen Night Witches auf Heroes. Der Text zeigt auch neue philosophische Elemente, die auf manche vielleicht doof wirken, für uns aber definitiv ein mutiger und kreativer Schritt nach vorne:

It’s the nature of time
That the old ways must give in
It’s the nature of time
That the new ways comes in sin
When the new meets the old
It always end the ancient ways
And as history told
The old ways go out in a blaze

500 Samurai gegen 30.000 kaiserliche Truppen, die letzte Schlacht der Satsuma-Rebellion und das letzte Mal, das traditionelle Samurai gegen eine moderne Armee kämpften. Richtig fetzig und schwungvoll vertonen Sabaton dieses letzte Gefecht, an dessen Ende die letzten 40 Samurai in einem aussichtslosen Angriff ihr Leben ließen. Das Zwischenspiel zwischen Krieg und kultureller Veränderung, die Metapher und der Wechsel auf die Meta-Ebene ist sicher eine der gewagtesten Entwicklungen auf dem Album, hoffentlich kommt davon in Zukunft mehr.

10 – Winged Hussars

Die Winged Hussars reiten auf groovigen Keys in die Schlacht, unterstützt von einem mächtigen Chor, der als Hintergrundgesang an Fan-Lieblinge wie Karolinens bön erinnert. Das Lied über die rettende Kavallerie bei der Türkenbelagerung Wiens ähnelt teilweise etwas zu sehr an den Track Art oft War, was aber vermutlich Absicht ist. Ein absolutes Highlight des Albums.

11 – The Last Battle

Eine Schlacht, die 2 Tage vor der Aufgabe Hitlerdeutschlands geschah, und zu den seltsamsten Schlachten der Geschichte zählt, ist exzellentes Material für den Endtrack mit dem passenden Namen. Warum die Schlacht so merkwürdig ist? Ein Kollektiv aus US-Soldaten, Wehrmachtssoldaten, französische Gefangene (darunter u.a. ein Tennisstar), der österreichische Widerstand und ein SSler gegen 150 Mann der Waffen-SS. Wer mehr wissen will, muss wohl Wikipedia lesen, die Geschichte ist jedenfalls filmreif und hat hier zumindest ein würdiges Lied, und das Album einen schönen Abschluss bekommen. Musikalisch wird man hier ein bisschen an die 80er und Bands wie Europe erinnert, deren Hit Final Countdown auch den Anfang jeder Sabaton-Show ankündigt.

Gesamteindruck & Fazit

The Last Stand ist ein weiteres Feuerwerk auf dem Sabaton Himmel. Dass den modernen Metal-Barden die Luft nicht ausgeht, hört man aus den vielen neu eingebrachten Elementen. Hier kann man der Band die Entwicklung hoch anrechnen, besonders da es keinen Bruch gibt, da Neues und Altes so gut verbunden werden und sie sich und ihren Fans treu bleiben. Bei manchen Tracks bleiben sie auf der sicheren Seite, während Tracks wie Blood of Bannockburn auch in die Hose hätten gehen können und Mut zum Neuen zeigen.

Auch die zeitlich weitergespannt ausgesuchten Themen bringen frischen Wind ins Reportoire. War Night Witches, ein Lied über weibliche Pilotinnen im zweiten Weltkrieg und nebenbei ein Killer-Track, im vorigen Album ein Schritt Richtung progressiver Diversifizierung, die trotzdem funktioniert, sind es hier die japanischen Samurai. Die in fast jedem Track präsente positive Stimmung erzeugt bei Publikum mehr Motivation und Energie, als es die vorigen Alben schon taten.

Chöre, fetzige Keyboards, Grooviges und dann wieder donnernde Soundgewalt, fette Gitarre – Sabaton laden in ihrer achten Schlacht bekannte Waffen teils mit neuer Munition, kämpfen aber heroischer denn je. Wir sind begeistert und freuen uns darauf, die Jungs im Frühling bei uns willkommen zu heißen. Denn jeder der sie schonmal sehen durfte weiß, dass Sabaton live nochmal 100% Energie drauflegen, und The Last Stand erfüllt alle Bedingungen um mit seinen Tracks weitere Hightlights zum Konzerterlebnis beizusteuern.

Aus dem Nucler Blast Shop, von iTunes oder vom nächsten Elektromarkt… Wo’s her kommt ist eigentlich egal, lasst euch dieses Meisterwerk aber auf keinen Fall entgehen.

Orlando Süss ist Journalist und leidenschaftlicher Schauspieler aus Wien. Früh zeigt sich seine Vorliebe für Rock, als er im Bauch seiner Mama erst bei The Who der Mutter Ruhe schenkt. Mittlerweile sind er und sein Geschmack gezwinkerte 1.84m groß. Von Tool bis Deichkind – Orlando gibt nie wieder Ruhe. Wenn er einmal doch eine Pause braucht wirft er sich mit seinem Makro-Objektiv ins Grüne oder spielt Survival-Horror Games mit seinen Freunden. Man darf ihm auch auf Instagram, Twitter und Facebook nachstellen.