Spotlight: Mit K.Flay Backstage im Wohnwagen

Interviews Spotlight

Kristine Flaherty, besser bekannt unter ihrem Stage Name K.Flay, ist eine US-amerikanische Künstlerin aus Illinois. 2005 veröffentlichte sie ihr erstes Mixtape und begann kurz darauf, in der lokalen Musikszene aufzutreten. Ursprünglich produzierte die Sängerin Hip Hop, entwickelte sich aber dank verschiedenster Interessen und Einflüsse immer weiter. Inzwischen trotzt K.Flay allen Genregrenzen, ihre Musik ist eine Mischung zwischen Hip Hop, Alternative und Indie.

Ihren ersten Song schrieb Kristine jedoch bereits 2003. Um einem Freund zu beweisen, dass sie selbst auch ohne Probleme einen Rap-Song schreiben kann, schrieb sie kurzerhand Blingity Blang Blang. Obwohl dieses Lied eine Parodie auf moderne Hip Hop-Titel war, entdeckte Kristine dabei ihre Vorliebe für das Schreiben und Aufnehmen von Musik.

Vierzehn Jahre später haben wir die Künstlerin auf ihrer Europa-Tour getroffen, um mit ihr über ihr zweites Album, ihre Lyrics und ihre Karriere zu reden. In einem kleinen Wohnwagen hinter der FM4-Bühne des Donauinselfests und in Regenponchos gehüllt haben wir uns mit K.Flay unterhalten.

Fangen wir am Anfang an: Kannst du uns eine kurze Übersicht deiner Karriere als Künstlerin geben?

Kristine: Klar! Ich habe angefangen, mehr oder weniger Musik zu machen, als ich noch zur Universität ging. Nach meinem Abschluss habe ich in San Francisco gelebt, dort habe ich angefangen Shows zu spielen und zu touren… Eigentlich habe ich eher in der Hip Hop-Welt gestartet, im Laufe der Zeit habe ich dann mehr und mehr die Alternative und Indie Rock-Szene erforscht. Meine Musik ist, infolgedessen, eine Art Mischung daraus. Das jetzt ist mein zweites Mal in Wien. Vor ungefähr zwei Jahren war ich zum ersten Mal hier.

Vor deinem Durchbruch als Musikerin hast du Psychologie an der Stanford University studiert. Was war damals dein Plan?

Kristine: Ich weiß nicht. Leute fragen mich das und ich habe keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Ich meine, ich denke ich habe Schule geliebt. Und diese… institutionelle Struktur. Ich bin von Natur aus eine sehr neugierige und wissbegierige Person, daher habe ich das ziemlich genossen. Ich denke, ich dachte einfach, dass ich ewig zur Schule gehen werde. (lacht)

K.Flay am Donauinselfest 2017. ©kuro

Ich weiß nicht, ob ich einen konkreten Plan hatte, was eigentlich ziemlich komisch ist… Als ich fertig war, ließen sich alle meine Freunde einfach treiben. Sie nahmen sich ein Jahr, um einfach in einem Restaurant oder einer Bar oder so zu arbeiten. Um sich über einige Dinge klarzuwerden. Während dieser, was, zwei Jahre wurde mir klar, dass Musik vielleicht das richtige für mich wäre.

Ich denke, so geht es einigen Leuten.

Kristine: Komisch, nicht? Ja…

Was würdest du deinem 18-jährigen Ich heute sagen?

Kristine: Hm… Ich würde ihr vermutlich sagen, dass sie sich weniger stressen sollte, obwohl ich mich eigentlich immer noch ziemlich viel stresse. Damals habe ich mir viel mehr Stress gemacht. Ich denke – darüber haben wir vor einigen Tagen geredet – mit dem Alter bekommt man eine gewisse Perspektive und auch eine Art Gelassenheit und Ruhe. Du weißt schon, du mit 18 Jahren gegenüber dir mit 27.

Man sieht Zeit einfach aus einem ganz anderen Winkel, den man schwer haben kann, wenn man jung ist. Wenn man ein Teenager ist. Ich denke, für mich wäre es, dass unsere Zeit lange ist. Hoffentlich, zumindest. (lacht) Ich drück’ uns die Daumen. Außerdem hat nicht alles so schlimme Konsequenzen, wie man sich denkt. Es geht nicht immer um Leben und Tod. Im Grunde: Chill Out.

Chill out.

Wenn du zurückblickst, wie hat sich dein Schreibprozess verändert?

Kristine: Ich denke, auf eine gewisse Art hat er sich kaum verändert. Im Normalfall fange ich mit einer Serie von Akkorden, einem Riff oder einer Art instrumentalen “Bett” für was auch immer an. Dann baue ich etwas, dass sich so anfühlt, als könnte es eine gewisse Struktur halten oder etwas, das einfach Energie hat. Es fühlt sich traurig oder aufgeregt an, es klingt nach Downtempo… Was auch immer. Das wiederhole ich dann stundenlang und dazu schreibe ich dann Lyrics. Sobald ich dann ein Konzept für den Song habe und einen Plan, wo sich der Text hinentwickeln soll, geh’ ich zurück und überarbeite die Musik. Danach passe ich die Lyrics wieder an… Eine Art Call and Response zwischen Musik und Text.

Dein neuestes Album, Every Where Is Some Where, wurde vor kurzem veröffentlicht. Kannst du uns etwas darüber erzählen?

Kristine: Klar! Ich habe es im Laufe eines Jahres geschrieben und aufgenommen. Und die meiste Zeit davon war ich unterwegs. Auch der Name des Albums ist stark davon beeinflusst, zu reisen und an vielen verschiedenen Orten zu sein. Und von der Erkenntnis, dass so viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen, egal wo man hingeht. Du weißt schon, jede Bar ist nur eine Bar. Aber gleichzeitig ist jede Bar auch eine besondere Bar. Vielleicht ist das die Bar, in der du die Person getroffen hast, in die du dich verliebt hast und das hat dein Leben verändert. Oder… es gibt so viele Beispiele.

Das Leben ist gleichzweitig etwas sehr bestimmtes und willkürliches.

Ich denke, das Leben ist gleichzeitig etwas sehr bestimmtes und willkürliches. Das hat die Scheibe ziemlich beeinflusst. Im Prinzip habe ich ein Jahr daran gearbeitet und es dann veröffentlicht. Die Hälfte der Songs habe ich in Nashville, Tennessee, in den Vereinigten Staaten produziert. Die andere in Los Angeles, wo ich jetzt lebe. In gewisser Weise ist die Platte zwischen zwei Orten entstanden, da ich viel rumgereist bin.

Bist du zufrieden mit dem Album und den Reaktionen deiner Fans?

Kristine: Ich bin sehr glücklich damit! Das ganze Projekt war mehr eine Art Entdeckungsreise… Was ich mache ist nicht wirklich auffällig oder… Ich meine, ihr könnt mich gerade nicht sehen, aber im Moment trage ich einen Regenponcho.  Oder meine Ausstrahlung, welche praktisch nicht vorhanden ist. Aus diesem Grund, denke ich, haben sehr viele Leute einiges in die Musik gesteckt. Langsam aufgebaut. Darum ist es echt cool zu sehen, wie gut das Album in den ersten Wochen angekommen ist. Seit dem ist es auch ziemlich gleich geblieben. Es fühlt sich so an, als würden es immer noch Leute neu entdecken.

Und für mich als Urheber… Es fühlt sich an, als hätte ich lyrisch und musikalisch etwas erreicht. Als hätten wir etwas erreicht. Das ist jetzt mein zweites Album und ich denke, dass es erwachsener und besser produziert ist. Es fühlt sich so an, als würde es sich in die richtige Richtung entwickeln. Welche auch immer das ist. (lacht)

Du hast bereits des Öfteren erwähnt, dass momentan It’s Just A Lot dein Lieblingstrack vom Album ist. Warum genau dieses Lied?

Kristine: Ich denke, weil es immer noch sehr glaubhaft klingt für mich. Als ich diesen Song geschrieben habe, hatte ich dieses kleine Studio in Los Angeles gemietet. Das war vor ungefähr acht, neun Monaten und es war richtig heiß im Studio – Sommer in LA. Es war Wochenende, also war niemand sonst dort. Ich war ganz alleine, hatte keine Ideen mehr und ich spürte diesen Kampf zwischen… Die Welt ist so riesig, wunderschön und großartig, auf einer unfassbaren Ebene, aber gleichzeitig auch so tragisch und unfair… Und all die anderen Dinge. Darüber dachte ich nach und das ganze war einfach viel zu überwältigend.

Die Lyrics sind ziemlich dicht, was ich persönlich als Hörer auch gerne mag. Für mich ist das ganze einfach sehr wahr und ich denke, dass ich einige der Konflikte in dem Lied immer noch nicht verarbeitet habe. Über andere Songs wie Blood In The Cut bin ich schon hinweg. Über diese Situation bin ich schon hinweg, verstehst du? Bei It’s Just A Lot bin das nicht.  Das hab’ ich noch nicht verarbeitet.

Auf deinem Album gibt es viele verschiedene Lieder, die sich alle anders anfühlen. Mit dem Song Black Wave beweist du, dass du auch einen härteren Sound ziemlich gut abziehen kannst. Auch wenn du, laut eigenen Aussagen, nicht sehr gerne schreist.

Kristine: (lacht) Stimmt, in dem habe ich geschrien. Das tu’ ich eigentlich nicht gerne, aber manchmal gibt es einfach einen Zeitpunkt zum Schreien. Es ist eins der zwei Lieder, welche ich nach der Wahl in den Vereinigten Staaten geschrieben habe. Vielleicht klingt das nach einer ziemlich Amerika-zentrierten Perspektive, aber ich denke, dass die Wahl von Donald Trump – leider – Konsequenzen für die ganze Welt haben wird. Wesentliche Konsequenzen.

Es hat sich so angefühlt, als wären wir auf diesem Weg von Fortschritt und Inklusion gewesen. Zumindest für unsere Generation. Als hätten sich alle in die Richtung bewegt, in die meine Freunde gehen. In die sich junge Leute bewegen. Diese Wahl war einfach erschreckend… Und widerlegt das teilweise.

Black Wave war die Antwort darauf. Ich denke, wenn ich jemals wieder schreien werde, wird es über Donald Trump oder jemanden sein, der ähnlich inkompetent und hasserfüllt ist.

Manchmal gibt es einfach einen Zeitpunkt zum Schreien.

Darüber kann man viel schreien.

Kristine: Darüber kann man sehr viel schreien, ja!

Im Lied Dreamers singst du “The only thing to fear is never being scared” und dieser Satz ist irgendwie bei mir hängen geblieben… Was hat er dir bedeutet, als du ihn geschrieben hast?

Kristine: Fast alle positiven Entwicklungen meines Lebens haben stattgefunden, als ich mich außerhalb meiner Wohlfühlzone befunden habe. Wenn ich Angst hatte. Und ich denke, wenn man als Person oder als Gesellschaft zufrieden ist, ergeben sich keine Möglichkeiten für Wachstum oder wahres Glück. Ich denke, es ist wichtig zu wissen, dass es noch mehr zu lernen und mehr zu sehen gibt. Das Unbekannte. Was wiederum angsteinflössend ist. Meiner Meinung nach passieren gute Dinge, wenn man das akzeptiert oder konfrontiert.

Im ganzen Lied geht es darum nachzudenken, welchen Weg man im Leben nimmt. Machst du etwas, weil es dich sicher und sozial geborgen fühlen lässt oder machst du etwas, dass dir Angst macht und dich herausfordert? Machst du etwas, was vielleicht beides ist? Meiner bisherigen Erfahrung nach erreicht man die großartigsten Dinge, wenn man sich auf unsicherem Grund befindet.