Spotlight: Mit Shakey Sue von The Hellfreaks auf Tuchfühlung

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Es war im Jahr 2009 oder 2010, da habe ich eine ungarische Psychobilly-Band an das Central European Rockabilly Festival in Bildein verbucht, nachdem ich eine Demo CD mit dem Titel Hell sweet Hell erhalten habe. Die Band rund um die charismatische Frontfrau Shakey Sue gibt es noch, wenn auch mit anderen Mitgliedern und einer neuen musikalischen Ausrichtung. Was gleich geblieben ist: der nette Tratsch mit Sue über alte Zeiten und neue Wege.

Hi Sue, danke, dass du dir die Zeit genommen hast, heute ein wenig mit mir über Musik im Allgemeinen und The Hellfreaks im Speziellen zu quatschen.

Sue: Na sehr gerne doch!

Wenn man euer aktuelles Album Astoria auspackt, dann sieht man sofort Veränderung und auch der Sound ist mit dem der beiden anderen The Hellfreaks Alben nicht zu vergleichen. Abgesehen vom musikalischen Unterschied wirkt die ganze Produktion „tighter“. Wie kam es zu der Entwicklung?

Sue: Manchmal ist aufgeben ganz gut, um danach wieder neu anzufangen. Das fast es bei uns ziemlich gut zusammen, denn so komisch es auch klingt, kam Astoria durch unsere Auflösung in 2014 überhaupt zustande. Die Band hat nämlich vor 3 Jahren ihr aus bekanntgegeben: wir waren 4 sehr verschiedene Charaktere und was am Anfang genau den Reiz ausmachte funktionierte neben gewissem Erfolg umso weniger. Ich habe damals kein Geheimnis daraus gemacht, wie sehr mich diese Zeit mitgenommen hat und auch wie schwierig es für mich war loszulassen, aber auch im Nachhinein denke ich, dass es da keine bessere Lösung mehr gab.

Was am Anfang genau den Reiz ausmachte funktionierte neben gewissem Erfolg umso weniger.

Ein knappes Jahr später habe ich die Hellfreaks dank einer unerwarteten Einladung zum Ink’n Iron Festival in Long Beach, Kalifornien mit neuer Besetzung ins Leben gerufen. Ich hatte wieder so richtig Bock! Und diesmal konnte mich nichts und niemand davon abhalten, dass zu machen, was ich schon seit längerem machen wollte: mich aus der Psychobilly Schublade rauszuwagen und kompromisslosen Punkrock zu machen.

Ich habe dafür Musiker begeistern können, die auf einem dermaßen hohen Niveau spielen, welche mir erst recht bestätigt haben, die bisherigen Grenzen zu überschreiten. So haben wir uns vom Kontrabass verabschiedet, haben das Studio gewechselt und legten einfach los. Astoria ist daher bei weitem nicht nur ein neues Album in der Reihe, sondern das Symbol der Wiedergeburt der Band.

Wie macht ihr das live? Werden die neuen Nummern von den Fans gut angenommen bzw. sind Klassiker wie „Boogie Man“ ohne Kontrabass überhaupt möglich?

Sue: Für unseren neuen Bassisten ist das absolut kein Problem! Ich bin sogar davon überzeugt, dass unsere alten Songs – die wir natürlich auch auf unseren Konzerten spielen – nun noch viel interessanter sind, da diese von einem der anerkanntesten Bassisten im Land, unserem neuen Hellfreak-Gabi, unter die Lupe genommen wurden und er diesen Songs seine eigenen Note verpasst hat. Natürlich ist deine Frage vollkommen berechtigt: auch wenn die neuen Songs aus technischer Sicht gesehen nun viel vollkommener und reifer sind, ist es tatsächlich ein Punkt, der mir Anfangs auch etwas Sorgen bereitet hat. Was werden wohl die alten Fans sagen?

Wofür zum Teufel sollte ich mich wiederholen?!

Aber um ehrlich zu sein, haben wir von Fans und Veranstalter nur gutes Feedback bekommen. Klar gab es hier und da Ansagen „ das sind nicht mehr die alten Hellfreaks!“ Aber, genauso deswegen haben wir das ja gemacht! Wofür zum Teufel sollte ich mich wiederholen?! Andererseits ist es nun mal so, dass nicht nur die Band 8 Jahr alt ist, sondern auch ich mit der Zeit – überraschender Weise 😀 – genauso viele Jahre älter geworden bin. Ich könnte einfach nicht mit einem ehrlichen Lächeln dasselbe machen, wie vor 8 Jahren. Ich weiß, dass viele das so liebend gerne kritisieren, aber mal ehrlich: welcher Mensch möchte nicht, dass morgen besser wird als gestern? Wenn man immer die selben Runden läuft, trifft sicherlich keine Veränderung ein, deswegen darf das niemand von mir erwarten.

Wir kennen uns jetzt schon seit 2008, als du mir die Demo zu Hell, Sweet Hell. Damals war noch Myspace „state of the art“. Wie siehst du die Rolle der neuem Medien im Musikbusiness?

Sue: Wenn ich das Wort Myspace höre muss ich immer schmunzeln: der Social Media Friedhof zum Spaziergang der extra Klasse! Trotzdem werde ich jetzt nichts überraschendes sagen können – Facebook ist the-place-to-be als Band. Momentan. Aber wahrscheinlich noch etwas länger.

Allerdings ist es mittlerweile etwas schwieriger hier „effektiv“ funktionieren zu können. Wie uns allen bekannt ist, wurde die organische Reichweite von Jahr zu Jahr heruntergedrosselt. Es reicht bei weitem nicht, hier und da mal was zu posten. Das reicht nicht einmal, wenn man seine Fanbase halten will – will man diese erhöhen (natürlich nicht mit bezahlten likes den jeder soll sich zu tiefst schämen der sowas macht) muss man sich damit intensiver wie im Vergleich zu Myspace beschäftigen, denn ohne Hintergrundwissen wird es schwierig.

Musiker mussten/müssten lernen ihre Statistiken zu verstehen um diese zu ihrem Vorteil nutzen zu können.

Ich bin gespannt was die Zukunft bringt.

Es ist nicht egal wann du postest. Es ist nicht egal was du postest. Man muss verstehen welche Arten von Content es gibt und mit welcher organischer Reichweite diese eingesetzt werden können. Und will man tatsächlich neue Leute erreichen, kommt man mittlerweile kaum um die Facebook Ads herum und da öffnen wir nun ein ganz eigenen Fachbereich. Natürlich ist das kein Hexenwerk, aber für die meisten Musiker ist all das doch ein recht großer Berg zum klettern. Ich bin gespannt was die Zukunft bringt.

Ich habe damals bei Myspace auch nie gedacht, dass der Wechsel zu Facebook so schnell und drastisch passieren könnte, daher kann ich auch nicht einschätzen, was in Zukunft auf uns zukommt.

Gibt es etwas, das dich gerade mega nervt?

Sue: Lügen, Arroganz & Geiz. Nicht gerade, sondern immer.

Auch was, das dich freut?

Sue: An etwas, an dem ich momentan jeden Abend arbeite, aber noch nichts darüber erzählen darf.

Banale Frage: Welches Network nutzt du am Liebsten und wo findet man dich dort?

Sue: Da ich selber im Online Marketing Bereich arbeite verbringe ich unendlich viel Zeit auf Facebook. Wahnsinnig viel Zeit sogar, daher ist es etwas schwierig auf diese Frage neutral zu antworten, denn oft habe ich durch die Arbeit so einen Facebook – Überschuss, dass ich danach sogar eine weiße Wand lieber angucke.

Wenn ich aber von dieser Überflutung absehe, muss ich mir trotzdem gestehen, dass ich Facebook am liebsten benutze, denn da finde ich von Entertainment bis News alles was wichtig (und eben unwichtig) ist. Wenn ich aber etwas ausschalten will oder ich wegen Müdigkeit im Zombie-Mode vor mich hinvegetiere schweife ich gerne auf den Instagram Seiten herum. Ich liebe Katzen. Ich liebe Tattoos. Was passenderes als Instagram könnte es daher gar nicht geben. 😀

Ich versuche mich Jahr für Jahr mit Twitter anzufreunden, aber irgendwie ist es noch immer nicht ganz so meins. Zusammengefasst, findet ihr mich hier: FacebookInstagram und Twitter!

Wenn wir gerade bei Technik sind. Du hast ja einige Zeit in Deutschland gelebt, während deine Bandkollegen alle in Ungarn beheimatet waren. Wie kann man sich da eine Probe vorstellen? Skype Session? Google Hangouts? Erzähl mal.

Sue: Genau, ich wohnte etwas mehr als 2 Jahre in Berlin, aber um ehrlich zu sein, war das generell eine sehr komplizierte Zeit und so waren die ganze Bandangelegenheiten mit der alten Besetzung genauso kompliziert. Die traurige Wahrheit ist aber, dass eine Band ohne Sängerin absolut wunderbar proben kann – das ist aber umgekehrt nicht der Fall. Ich habe mich in Berlin alleine für unsere Konzerte (denn ja, wir hatten auch in dieser Zeit eine Menge) vorbereitet.

Bedeutet ich bin alleine in einen Proberaum Woche für Woche…. und so trafen wir uns für die Einzelgigs sozusagen direkt auf der Bühne. Vor einer längeren Tour bin ich immer nach Budapest geflogen, damit ich mich gesanglich und auch seelisch intensiver darauf einstellen konnte. Es war kompliziert, aber machbar. Trotzdem hoffe ich das nicht nochmal machen zu müssen.

Was ist derzeit die größte Herausforderung für dich als Musikerin/für euch als Band?

Sue: Sowohl als Band, als auch als Sängerin ist die Herausforderung immer dasselbe: von Tag zu Tag besser zu werden. Momentan beschäftige ich mich mit meiner Stimme mehr denje: ich gehe wöchentlich zu 2 verschiedenen Gesanglehrern, habe zu Hause ein kleinen abgedämmten Gesangsraum einrichten können und arbeite somit Tag für Tag an meiner Stimme.

Als Band ist ja die Bucketliste nun wirklich unendlich, aber momentan ist das nächste Ziel ein Videoclip, welchen wir zu einem Song von unserem neuesten Album Astoria drehen möchten. Aber um das realisieren können, bitten wir momentan in Form einer Indiegogo-Kampagne um die Hilfe unserer Fans, welche bis um 7. April läuft! Ich könnte über unsere Pläne und Gründe dießbezüglich unendlich erzählen, aber am besten macht ihr Euch selber darüber ein Bild. 😉

Wir bitten momentan in Form einer Indiegogo-Kampagne um die Hilfe unserer Fans!

Muss man irgendwann persönliche Abstriche machen, wenn man sich der Musik wirklich widmen will?

Sue: Juhu, endlich kann ich mich ausjammern! (*lach*) Einerseits ist das natürlich ein Scherz, aber andererseits, ist es so, dass man Musik wirklich sehr lieben muss, um diesen Lifestyle – zB. in meinem Fall – neben eine Job meistern zu können. Das bedeutet erstens, dass ich an meinem Urlaubstagen nicht Urlaub mache, sondern Konzerte spiele, welche mit Entspannung so gar nichts zu tun haben. Zweitens, bedeutet es auch, dass ich mit einer dauerhaften Müdigkeit kämpfen musst.

Wäre aber jeder, denn nach der Arbeit, ist vor der Arbeit. Wochentags arbeite ich jeden einzelnen Tag an neun Songs, an Tourbooking, an Texten, an Merch – die Liste ist endlos. Oft oder sogar meistens auch Freitag und Samstags spät Abends. Wenn ich dann mal versuche ein bisschen Auszeit zu nehmen, fühle ich mich gleich schlecht, dass es doch noch tausend Sachen zu erledigen, zu verfeinern gäbe… es ist wirklich nicht einfach, und ich bin mir auch nicht sicher, ob all das es denn Wert ist, aber ich persönlich kann eben nicht anders.

Was läuft denn bei dir derzeit so auf heavy rotation?

Sue: Ich glaube es gibt kein Album, welches ich so oft gehört habe, wie Going To Hell von The Pretty Reckless. Jede einzelne Note dieses Albums ist perfekt.

Könntest du uns abschließend noch drei Bands nennen, die du gut findest und auf die wir ein Auge haben sollten?

Sue: Marmozets, Fot For Rival, Barb Wire Dolls

Herzlichen Dank für das Interview. Hoffentlich sieht man sich bald wieder mal in Wien 🙂

Sue: Glücklicher Weise habe ich ein Konzerttermin in Wien für Dich – am 29.04 spielen wir im Local! Achtung wir fangen früh an, ab 20:30 legen wir schon los! Hoffentlich sehen wir uns da! 😉

Durch seine Adern pulsiert Rockmusik und er hängt an der Nadel, seit er als Kind in die Plattensammlung seines Vaters gefallen ist. In den frühen 80ern geboren, erlebte er den Abgesang der Schallplatte, die Hochzeit der Mixtapes und den Siegeszug der CD.