Ein Besuch auf der Wildstyle & Tattoo Messe in Wien: Von Tattoos, schmerzhaften Piercings und zu lauter Musik

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Text von Julia McRed

Eigentlich hatte ich nicht vor eine Tattoomesse zu besuchen, aber als die Wildstyle & Tattoo Messe im Gasometer in Wien am 08. und 09 April 2017 Einzug erhielt, war es für ein Wochenenderlebnis der etwas anderen Art doch sehr reizvoll. Vielleicht, wenn sich der richtige Augenblick ergibt, und alles passt, lass‘ ich mich sogar vor Ort stechen. Mit Tinte. Unter die Haut. Tättowieren halt.

Ich bin ja eigentlich schon gut mit Tattoos und Piercings ausgestattet, doch ein Tattoo muss in diesem Jahr noch dazukommen. Das stand fest. Deshalb dachte ich mir: “Es kann ja nicht schaden Eindrücke bei Tattoo Artists jenseits meines Tätowierer des Vertrauens zu sammeln.” Zu Beginn hatte ich auch noch Hoffnung mit einem reden zu können, aber es kommt eben doch anders als man denkt.

Die Versuchung sich seinen Körper zu verschönern ist allerdings wahnsinnig groß. Ob ich ihr erlegen bin? Lest selbst!

Summende Tattoowiermaschinen und laute Menschen

Den Entwurf des geplanten Stechwerks auf meiner Haut hatte ich auf’s Handy gepackt und schon ging es auf direktem Wege zur Wildstyle & Tattoo Messe im Gasometer in Wien. Kaum reingekommen, hießen gleich mehrere Stände diverser Tattoo- und Piercingsstudios die Besucherwillkommen und warteten mit jeglichen Stilen und Farben der Tattoo-Kunst auf. Vorne an den Ständen lagen jeweils einige Werke zum begutachten und hinter den vorderen Tischen wurde fleißig gestochen.

Das summende Geräusch der Maschinen hörte man selbst bis zur Toilette und verursachte bei mir einen Anstieg meines Serotoninspiegels. Zwielichtige Glücksgefühle! Beim Durchgehen wurde allerdings schnell klar: Eine nette Besprechung mit den Künstlern ist hier einfach nicht möglich.

Stechen was das Zeug hält auf der Wildstyle & Tatoo Messe. Kirsti von Rock Star Tattoo bei der Arbeit. ©kuro

Kaum ein Tätowierer war nicht gerade dabei, einen Körper zu verschönern – und stellt euch vor, ich spreche einen an und er verzieht die Nadel … nein, das wäre nicht angebracht. Also ließ ich es bleiben und blieb stille Beobachterin. Mein Interesse erweckte besonders ein Tattoo, das auf traditionelle Art, also ohne Maschine, gestochen wurde – auch wenn der Boden relativ bald vom Erbrochenen des Kunden bedeckt war.

So geht’s traditionell mit Lawrence und Le Segaula Tatau aus Samoa. ©kuro

Die buntere Version eines Zirkusbesuchs

Während ich so durch die Gänge streifte, rennt über die Bühne der Veranstaltung eine Show, die mich sehr an einem Zirkus erinnerte, nur eben mit bunteren Künstlern voller Bodymodifictaions und farbenfrohen Tattoos. Es war schon recht unterhaltsam, ihnen zuzusehen, aber währenddessen war auch der Musikpegel demtentsprechend hoch. Und inmitten dieses Getümmels sollte ich Tinte auf meinem Körper verewigen lassen? Für mich persönlich keine guten Voraussetzungen.

Performance-Künstler The Enigma auf der Bühne. ©kuro

Die ganzen Menschen, die einem dabei zuschauen und dann noch diese dröhnende, wummernde Musik auf den Ohren. Nichts gegen voll aufgedrehte Lautsprecher ansich; Ich habe auch schon während meines zweiten Tattoos (liegt schon etwas zurück, entstand nicht auf dieser Messe) Dir En Grey lautstark über Kopfhörer laufen lassen, da ich zwar schreien wollte, aber nicht konnte. So konnte wenigsten Kyo ein bisschen screamen und meinen Emotionen und Schmerzen Ausdruck verleihen. Die Musik auf der Wildstyle & Tattoo Messe war aber nicht Dir En Grey und nicht meine übliche Auswahl.

Dennoch kann ich nachvollziehen, warum sich so viele Menschen dann doch auf der Messe direkt tattoowieren lassen. Es sind viele internationale Tattookünstler dabei und die Bühnenshow kann einen sicher ganz gut ablenken, wenn man das Gefühl hat den Tätowierer erschlagen zu müssen, wenn er noch einmal mit der Küchenrolle über das Tattoo wischt (alle, die schon großflächiger tattoowiert wurden, können das sicher am besten nachvollziehen).

Gestochen werden oder nicht gestochen werden, das ist hier die Frage. ©kuro

Ja ja, ich weiß, dass ich eine alte Meckertante bin, aber wenn ich mich schon freiwillig Schmerzen aussetze, hätte ich es gerne bequem, ruhig und ohne unzählige Fremde um mich rum. Ihr fragt euch nun, was macht sie dann eigentlich da? Nun, gute Frage. Letztendlich bin ich hier, um zu berichten. Ein Tattoo auf der Wildstyle & Tattoo Messe stechen zu lassen, fällt somit schon mal flach. Sorry guys.

Was sollte ich nur schreiben, dass ich euch unterhalten kann? Die Idee war schnell da: Voller Körpereinsatz! Endlich das Piercing machen lassen, dass ich seit Jahren verschob aus Angst vor Schmerzen. Ich hatte zwar schon gefühlt alle möglichen Knorpelpiercings, aber das Vertical Industrial machte mir einfach Angst. So sind Jahre vergangen und dies war der Tag dafür um endlich mein Ohr mit meinen Lieblingspiercing verschönern zu lassen. Aber nein, ich wurde nicht dazu gezwungen, versprochen!

Zwei Stiche, ein zickender Kreislauf und ein mobiles Piercingstudio

Das Piercingstudio war ziemlich gut besucht und die Piercer wahnsinnig nett. Ich beschloss also, zuerst mal in Ruhe zu fragen und Infos einzuholen. Mein Ohr wurde gleich von zwei Piercerinnen angeschaut und mir wurde erklärt wie sie es setzen mussten. Die kurze Beratung hat dann einen so guten Eindruck hinterlassen, dass ich tatsächlich beschloss meinen üblichen Piercer mit ihnen zu betrügen. 10 Minuten musste ich etwa warten, bis in einem kleinen verdeckten Bereich ein Platz frei wurde. Sehr angenehm, dass es nicht so offen war, wie der Tattoobereich der Messe.

Die Vorbereitungen. Doch auf das, was kommen sollte, war ich nicht vorbereitet. ©kuro

Wieder wurde mein Ohr vermessen, Markierungen angebracht, desinfiziert und dann auch noch vereist. In diesen Moment dachte ich mir noch, dass das halb so schlimm wird, immerhin habe ich sonst alle Piercings ohne Vereisung machen lassen.

Uuuund – ich lag falsch. Ich lag so höllisch falsch. Nach den ersten Loch wurde mir schon etwas übel und ich spürte wie mein Kreislauf begann zu randalieren. Noch einmal durchatmen und das zweite stechen lassen. Ich wünschte ich könnte euch das Geräusch beschreiben, wie sich die Nadel durch einen so dicken Knorpel bohrt, aber es ist einfach unbeschreiblich widerlich: Reißende Haut, ein knackendes Ploppen, nein ich kann es beim besten Willen nicht ausführen.

Der Stich. ©kuro

Für den Moment befürchtete ich, dass ich umkippen würde, aber eine Minute nach dem Stechen selbst beruhigte sich alles wieder ein wenig. Das Schmuck durchziehen war nochmal recht unangenehm, aber danach war es da und der Schmerz vorbei. Die Piercerin machte noch ein Foto von meinen Ohr, weil es wohl ein recht seltenes Piercing ist und das war es dann. Nach so langer Zeit habe ich es endlich gewagt!

Das Ergebnis. ©kuro

Eine Erfahrung mehr ändert gleich das Gesamtbild

Nach diesem Erlebnis kann ich sagen, dass ich es noch mehr nachvollziehen kann, warum man sich dort tattoowieren lässt – inmitten der Menge. Die Musik und die Menschen werden einem egal, sobald sich der Puls beschleunigt, das Adrenalin ausgeschüttet wird und die Vorfreude auf das Ergebnis wächst. Es ist schon fast so, als würde in eurem Kopf ein Radio “Is mir egal” auf voller Lautstärke spielen und man vergisst dadurch das ganze Rundherum. Wieder was dazugelernt, daher ein herzliches Danke an die Veranstalter der Wildstyle & Tattoo Messe! Ohne euch wäre ich noch immer der Überzeugung, dass Knorpelpiercings niemals so schlimm sein können, dass ich tatsächlich umkippe.

Wer seine eigenen Erfahrungen sammeln will, hat demnächst wieder die Chance! Hier eine kurze Aufstellung der Termine der Wildstyle & Tattoo Messe in nächster Zeit:

15. & 16. APRIL 2017 – A-SALZBURG – SPORTHALLE ALPENSTRASSE

16. & 17. JUNI 2017 – MATAPALOZ FESTIVAL – D-HOCKENHEIM RING

04. & 05. NOVEMBER 2017 – A-LINZ – TABAKFABRIK